Pariser Notizen
Die Idylle verdeckt stets den Abgrund.
Paris ist eine kulturell vorbelastete Stadt. Jeder sieht etwas anderes darin: Den romantischen Sehnsuchtsort kitschiger Filme, das alternde Herz europäischer Kultur, das unübertroffene Zentrum der Boheme und der hohen Bildung, und nicht zuletzt: die Metropole der Jakobiner und jenes Schlachthaus, dessen Straßen einst vom Blut der Kommunarden rotgefärbt worden war. Je nach Vorprägung und Neigung träumt man vielleicht heimlich vom Flanieren mit Proust, vom Trinken mit hemmingway, von gelehrten Gesprächen mit Benjamin oder, vielleicht ehrlicher, davon in einem netten kleinen Restaurant von dieser Ratte aus "Rattatouille" bekocht zu werden.
Ich lernte ein anderes Paris kennen: Untergekommen bei Genossen im 20. Arrondisement, sah ich das Paris der unteren Klassen.
Ein Paris, das wenig zu Geschichten einlädt, auch nicht zu tragischen, die der drückenden Armut ausdruck verleihen würden. Denn sicher ist die Armut drückend, doch sie entzieht sich hier der verschnökelten dichterischen Bearbeitung. Es ist eine nackte, kalte Armut, ein stummes Elend, das keinen Zola hervorbringen kann, der es zum Anlass zorniger aber immerhin schöner Schildeurngen nehmen könnte. Sicher könnte ich kleinen Szenen beschreiben, minimale Aktionen der Solidarität, Momente des kommunalen Beisammenseins in der Sonne im Park. Genauso könnte ich von den Morden durch Polizisten schreiben, davon, dass hier niemand die Polizei ruft, da diese fast jede Nacht jemand ermordet. Oder vom sozio-ökonomischen Elend: Von den absurd hohen Mieten und den geringen Löhnen, davon, wie schlecht selbst die Nahrung für die arbeitenden Massen und die Elenden ist.
Doch all das, vielleicht farbenfroh gestaltet, käme der Realität keinefalls nahe.
Es ist nicht das Gefühl des Elends, das hier auf den Straßen fühlbar ist, erst recht nicht der Wut oder der Angst, auch nicht der Verzweiflzung. Man ist hier längst im Jenseits der Verzweiflung angelangt.
Es bleibt: Resignation und das Gefühl der Anstrenuung.
Immer wieder sagen das Genossen, immer wieder der selbe Eindruck:
Selbst nur zu überleben ist ein Kraftakt in dieser Stadt, selbst nur hier zu sein verlangt Stärke und zehrt den einzelnen aus, psychisch wie physisch. Man schläft wenig, arbeitet viel, ist ständig auf der Jagd nach Geld, hält sich mit kleinen Betrügereien über Wasser und weiß doch, dass es umsonst ist. Mehr und mehr Arme werden vertrieben, die Stadt gentrifiziert, zwischen den Elendsquartieren entstehen eingekapselt und abgeriegelt wahre mittelalterliche Patrizierburgen des Neoliberalismus - die gated communities einer neuen, neoliberalen Bourgeoisie, die selbstgerehct und mit eigenem Sicherheitsdienst den Pöbel aus den Grenzen der Stadt vertreibt, wo das Leben noch anstrengender wird, da längere Strecken zu überwinden sind, die Stadt weit weg und das Leben noch öder wird.
Das Elend und die Armut, die Anstrengung geben sich so die Hand in der glitzernden Stadt, die in den Touristenvierteln nicht mehr wirklich sich die Mühe macht, das Disneyland-Image abzulegen.
So verlasse ich den Kontinent mit einem sehr klaren Gefühl der Abscheu, in der ungefähren Ahnung, die Zukunft Europas gesehen zu haben: Fassaden, Konsumtempel, neoliberale Patrizierburgen und Elendsviertel voller vor anstrengung halb zusammengebrochener Elendigen, ohne Schlaf und ohne Hoffnung.
Paris ist eine kulturell vorbelastete Stadt. Jeder sieht etwas anderes darin: Den romantischen Sehnsuchtsort kitschiger Filme, das alternde Herz europäischer Kultur, das unübertroffene Zentrum der Boheme und der hohen Bildung, und nicht zuletzt: die Metropole der Jakobiner und jenes Schlachthaus, dessen Straßen einst vom Blut der Kommunarden rotgefärbt worden war. Je nach Vorprägung und Neigung träumt man vielleicht heimlich vom Flanieren mit Proust, vom Trinken mit hemmingway, von gelehrten Gesprächen mit Benjamin oder, vielleicht ehrlicher, davon in einem netten kleinen Restaurant von dieser Ratte aus "Rattatouille" bekocht zu werden.
Ich lernte ein anderes Paris kennen: Untergekommen bei Genossen im 20. Arrondisement, sah ich das Paris der unteren Klassen.
Ein Paris, das wenig zu Geschichten einlädt, auch nicht zu tragischen, die der drückenden Armut ausdruck verleihen würden. Denn sicher ist die Armut drückend, doch sie entzieht sich hier der verschnökelten dichterischen Bearbeitung. Es ist eine nackte, kalte Armut, ein stummes Elend, das keinen Zola hervorbringen kann, der es zum Anlass zorniger aber immerhin schöner Schildeurngen nehmen könnte. Sicher könnte ich kleinen Szenen beschreiben, minimale Aktionen der Solidarität, Momente des kommunalen Beisammenseins in der Sonne im Park. Genauso könnte ich von den Morden durch Polizisten schreiben, davon, dass hier niemand die Polizei ruft, da diese fast jede Nacht jemand ermordet. Oder vom sozio-ökonomischen Elend: Von den absurd hohen Mieten und den geringen Löhnen, davon, wie schlecht selbst die Nahrung für die arbeitenden Massen und die Elenden ist.
Doch all das, vielleicht farbenfroh gestaltet, käme der Realität keinefalls nahe.
Es ist nicht das Gefühl des Elends, das hier auf den Straßen fühlbar ist, erst recht nicht der Wut oder der Angst, auch nicht der Verzweiflzung. Man ist hier längst im Jenseits der Verzweiflung angelangt.
Es bleibt: Resignation und das Gefühl der Anstrenuung.
Immer wieder sagen das Genossen, immer wieder der selbe Eindruck:
Selbst nur zu überleben ist ein Kraftakt in dieser Stadt, selbst nur hier zu sein verlangt Stärke und zehrt den einzelnen aus, psychisch wie physisch. Man schläft wenig, arbeitet viel, ist ständig auf der Jagd nach Geld, hält sich mit kleinen Betrügereien über Wasser und weiß doch, dass es umsonst ist. Mehr und mehr Arme werden vertrieben, die Stadt gentrifiziert, zwischen den Elendsquartieren entstehen eingekapselt und abgeriegelt wahre mittelalterliche Patrizierburgen des Neoliberalismus - die gated communities einer neuen, neoliberalen Bourgeoisie, die selbstgerehct und mit eigenem Sicherheitsdienst den Pöbel aus den Grenzen der Stadt vertreibt, wo das Leben noch anstrengender wird, da längere Strecken zu überwinden sind, die Stadt weit weg und das Leben noch öder wird.
Das Elend und die Armut, die Anstrengung geben sich so die Hand in der glitzernden Stadt, die in den Touristenvierteln nicht mehr wirklich sich die Mühe macht, das Disneyland-Image abzulegen.
So verlasse ich den Kontinent mit einem sehr klaren Gefühl der Abscheu, in der ungefähren Ahnung, die Zukunft Europas gesehen zu haben: Fassaden, Konsumtempel, neoliberale Patrizierburgen und Elendsviertel voller vor anstrengung halb zusammengebrochener Elendigen, ohne Schlaf und ohne Hoffnung.
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